
Ein Parkhaus aus Holz? In Wendlingen steht eines.
Ein Parkhaus aus Holz? In Wendlingen steht eines.
349 Stellplätze, fünf Parkebenen und eine Konstruktion, die überwiegend aus Holz besteht. Die Stadt Wendlingen am Neckar hat am Bahnhof ein Parkhaus errichtet, das nicht nur für Autos und Fahrräder gedacht ist. Bei der Planung wurde bereits berücksichtigt, dass das Gebäude eines Tages ganz anders genutzt werden könnte.
Wer an ein Parkhaus denkt, hat gewöhnlich ein Gebäude aus Stahlbeton vor Augen. In Wendlingen am Neckar, rund 30 Kilometer südöstlich von Stuttgart, hat man sich für einen anderen Weg entschieden.
Im September 2024 eröffnete die Stadt ihr neues Parkhaus am Bahnhof. Entworfen wurde es vom Stuttgarter Architekturbüro herrmann+bosch. Das Gebäude ist etwa 19 Meter hoch, besitzt eine Bruttogrundfläche von 10.880 Quadratmetern und kostete nach Angaben der Stadt rund elf Millionen Euro.
Auf fünf Ebenen stehen 349 Pkw-Stellplätze zur Verfügung, darunter 20 mit Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge. Im Erdgeschoss befinden sich 221 Fahrradstellplätze, fünf Plätze für Lastenräder, zwei Reparaturstationen und Schließfächer für Fahrradakkus.
Warum ein Parkhaus aus Holz?
Die ungewöhnliche, elliptische Gebäudeform ergibt sich aus dem begrenzten Grundstück zwischen Bahnhof und dem ehemaligen Industrieareal der Weberei Heinrich Otto & Söhne. Dort soll mit dem OTTO-Quartier ein neues Stadtviertel entstehen.
Das Parkhaus übernimmt dabei gleich mehrere Funktionen. Es ersetzt bisherige Parkflächen, bietet Pendlern einen direkten Übergang zur Bahn und dient gleichzeitig als Lärmschutz für die geplante Wohnbebauung. 100 der Stellplätze sind vertraglich dem Investor des benachbarten Quartiers zugeordnet.
Die tragende Konstruktion besteht überwiegend aus Holz. Für die Parkdecks werden Brettsperrholz und für Stützen und Träger Brettschichtholz verwendet. Stahlbeton kommt insbesondere bei den Treppenhäusern und den Rampen zum Einsatz.
Die nördliche Fassade besteht teilweise aus Profilglas und schützt die angrenzende Bebauung vor Lärm und Blendwirkungen. Die offen gestaltete Südseite lässt die Holzkonstruktion erkennen und wird begrünt. Auf dem Dach befindet sich eine Photovoltaikanlage.
Heute Parkhaus, morgen vielleicht Bürogebäude
Eine Besonderheit liegt in der Konstruktion selbst. Die Architekten haben das Gebäude nicht ausschließlich auf seine heutige Funktion als Parkhaus ausgelegt.
Die Geschosshöhen und die weitgehend stützenfreien Flächen ermöglichen grundsätzlich auch andere Nutzungen. Sollte sich der Stellplatzbedarf eines Tages verringern, könnten einzelne Parkebenen zu Büro-, Gewerbe- oder möglicherweise Wohnflächen umgebaut werden. Die Rampenanlage ließe sich dafür schrittweise entfernen.
Auch der Rückbau wurde bereits bei der Planung berücksichtigt. Viele Holzbauteile sind gesteckt oder verschraubt, anstatt dauerhaft miteinander verklebt zu werden. Dadurch lassen sich Materialien später trennen und im Idealfall erneut verwenden.
Das unterscheidet den Ansatz von vielen herkömmlichen Parkhäusern, deren bauliche Struktur kaum Spielraum für eine andere Nutzung bietet.
Ob eine solche Umnutzung tatsächlich erfolgt, hängt selbstverständlich von den dann geltenden baurechtlichen, technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen ab.
Elf Millionen Euro für 349 Stellplätze
Die Stadt Wendlingen beziffert die Baukosten auf rund elf Millionen Euro. Rechnerisch entspricht das etwa 31.500 Euro je Pkw-Stellplatz.
Diese Zahl ist allerdings kein reiner Stellplatzpreis. Das Gebäude enthält auch die Fahrradinfrastruktur, Ladeeinrichtungen und weitere technische Anlagen. Hinzu kommen die architektonischen und konstruktiven Anforderungen, die sich aus der Holzbauweise und der geplanten Umnutzbarkeit ergeben.
Ob diese Investition langfristig wirtschaftlicher ist als ein konventionelles Parkhaus, lässt sich aus den veröffentlichten Baukosten allein nicht beantworten. Dafür müssten auch die Unterhaltungskosten, die Nutzungsdauer und mögliche spätere Umbauten berücksichtigt werden.
Mehrfach ausgezeichnete Architektur
Das Parkhaus ist ein Projekt der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27). Die Fachwelt hat sich inzwischen mehrfach mit dem Bauwerk beschäftigt.
2026 erhielt das Projekt den Holzbaupreis Baden-Württemberg. Beim German Design Award 2026 wurde es in der Kategorie „Circular Design – Excellent Architecture“ mit Gold ausgezeichnet.
Hinzu kommen eine Nominierung für den DAM Preis 2026 des Deutschen Architekturmuseums und eine besondere Anerkennung bei den Design Educates Awards 2026.
Die Auszeichnungen beziehen sich insbesondere auf die Holzkonstruktion, die Trennbarkeit der Baumaterialien und die Möglichkeit, das Gebäude später für andere Zwecke zu verwenden.
Von Pforzheim nach Wendlingen: zwei Gebäude, ein Baustoff
Dass Holz inzwischen auch bei größeren Bauvorhaben eine Rolle spielt, zeigt sich nicht nur in Wendlingen.
Mit dem Holz-Hybrid-Hochhaus CARL hat die Baugenossenschaft Arlinger in Pforzheim ein 45 Meter hohes Wohngebäude mit 14 Geschossen errichtet. Anders als beim Parkhaus in Wendlingen werden dort Holz und Beton in einer Hochhauskonstruktion miteinander kombiniert.
Während CARL von Anfang an für eine langfristige Wohnnutzung geplant wurde, haben die Architekten in Wendlingen mögliche Nutzungsänderungen bereits in der Gebäudestruktur berücksichtigt.
Beide Projekte zeigen, wie unterschiedlich sich Holz als Baustoff einsetzen lässt. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass die Bauweise allein noch nichts über die Wirtschaftlichkeit eines Gebäudes aussagt.
Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag: CARL in Pforzheim – Bauen mit Holz.



































































































